Die Zeitungen: Nachrichten auf allen Medienkanälen

Dieser Beitrag beruht auf einem Interview, das am 23. März 2018 im Luxemburger Wort erschienen ist. Die Fragen stellte Christophe Langenbrinck. Antworten von Zeitungsdesigner Norbert Küpper. Das Interview erschien anlässlich des 170-jährigen Jubiläums der Zeitung.

1) Viele Reden vom Zeitungssterben, aber was muss eine Tageszeitung heute haben, damit Sie überhaupt vom Leser wahrgenommen wird?

Nach meiner Beobachtung hat das Gerede vom baldigen Zeitungssterben nachgelassen, denn Zeitungen sind natürlich auch in allen Social-Media-Kanälen aktiv und werden von den Lesern dort gerne genutzt. Das zeigen die guten Reichweiten-Entwicklungen.

Die Zeitung muss auf allen Nachrichten-Kanälen rund um die Uhr präsent sein. Das sind Nachrichten in Bild, Ton und Text, die rund um die Uhr gesendet werden. Die Zeitung sollte eine Community mit ihren Lesern bilden, die auch in vielen Servicebereichen stets Auskünfte gibt. Stichworte sind Wetter, Reisen, Veranstaltungstipps, Freizeittipps, Restauranttipps. Zeitungen werden aber auch mehr und mehr selbst Veranstalter z.B. von Seminaren oder Events, die den Mitgliedern der Community zur Verfügung stehen.

Zeitungen müssen mehr denn je für die Leser ein Leuchtfeuer der klaren, sachlichen und korrekten Information sein. Fake-News überschwemmen die Social-Media-Kanäle. Die klassischen Medien haben die Chance, ihren Ruf als zuverlässige Quelle zu stärken, indem sie Fake als solchen entlarven und korrekt berichten, wie es seit Jahrzehnten geübte Praxis bei Zeitungen ist. Viele Nutzer übersehen offenbar, dass es Websites gibt, die falsche oder verfälschte Meldungen verbreiten, oft zu Propagandazwecken. Zeitungen grenzen sich von diesen Angeboten klar ab durch sachliche und korrekte Berichterstattung. Eine Gefahr für Zeitungen ist, dass man immer schneller berichtet. Durch einen kleinen Fehler können Nachrichten verfälscht werden. Man sollte manchmal lieber entschleunigen und gründlich prüfen, ehe man publiziert. Insofern bleiben alte journalistische Regeln sicher bestehen. Hier ein Link zu einem Bericht über den Erfolg der Times durch Entschleunigung. Die Zeitung hat vor zwei Jahren von einer kontinuierlichen Online-Publikation zu drei Ausgaben pro Tag gewechselt: morgens um 9 Uhr, mittags und um 17 Uhr. Alan Hunter, head of digital at the Times and The Sunday Times sagt dazu: “The way we’re publishing now, taking our time over news, not chasing the narcotic rush of breaking news, but taking a more considered view of the world, it’s helped us offer something different from everything else.” Es geht also auch darum, eine eigene Sicht der Dinge zu entwickeln und nicht in höchster Geschwindigkeit das zu publizieren, was alle anderen Medien auch bringen.

Das Mindener Tageblatt ist wie alle Zeitungen in den Bereichen Print, Online und Social Media aktiv.

Angebote des Mindener Tageblatts: Eine Zeitung für Flüchtlinge in arabischer Sprache, “Cake my Day” ist ein Backwettbewerb, “Die Profis” ist ein Handwerker-Suchportal.

Die verkaufte Auflage des Mindener Tageblatts beträgt 29792 Exemplare. Im Online-Bereich und bei Social Media gibt es seit Jahren hohe Reichweiten-Zuwächse. Das Beispiel zeigt, dass die Zeitungen den digitalen Wandel vollziehen.

2) Welche Art von Zeitung hat die besten Überlebenschancen?

Neben der Präsenz auf allen Nachrichten-Kanälen rund um die Uhr gehören exklusive Inhalte zum Erfolgsrezept. Natürlich kann man nicht jeden Tag eine Zeitung komplett mit exklusiven Inhalten füllen, aber viele Zeitungen schaffen es, täglich die Coverstory – also die wichtigste Nachricht des Tages – über mehrere Seiten zu führen. In einer solchen Coverstory werden aktuelle Inhalte gut verständlich aufbereitet. Die Diskussion über die Auto-Abgase wäre z.B. so ein Thema, bei dem man dann auf die eigene Stadt oder Region schaut und über Lösungsansätze national, regional und vor Ort berichtet. Dabei ist wichtig, dass man nicht nur die Probleme benennt, sondern auch mögliche Lösungen präsentiert. Es ist auch gut, mehrere Stimmen zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, zum Beispiel im Stil eines Pro und Contra. Man hat auch die Chance, eigene Themen zu setzen und sich so vom Nachrichtenstrom aller anderen Medien zu lösen.

Das Handelsblatt hat freitags eine große Coverstory. Beispiel: Der Diesel-Skandal.

Berliner Zeitung: Die Gestaltung der Titelseite wird auf der Doppelseite fortgesetzt. Sehr gutes Beispiel für Cover und Coverstory.

3) Ein bekannter Design Grundsatz sagt “die Form folgt der Funktion”, trifft das in Zukunft noch zu?

Natürlich sollte die Zeitung funktional sein. Dabei werden die Inhalte ja inzwischen auf dem Smartphone, dem Tablet, dem Computer-Bildschirm und gedruckt präsentiert. Auf all diesen Endgeräten muss man für eine gute Lesbarkeit und Funktionalität sorgen. Die Navigation auf dem Smartphone sollte z.B. intuitiv erfolgen, ohne große Gebrauchsanweisung. Ein guter Service, um die Funktionalität zu steigern ist z.B., dass der Leser die Schriftgröße des Textes selbst einstellen kann oder dass am Anfang des Artikels angegeben wird, wie die Lesedauer ist. Am Bildschirm des Smartphones kann man ja die Länge eines Artikels nicht abschätzen, während in der gedruckten Fassung sofort sichtbar ist, wie lang ein Artikel ist.
Eine gesteigerte Funktionalität wurde in den letzten Jahren ja von den meisten Zeitungen in Europa erzielt: Sie wurden auf das Tabloid-Format umgestellt. Das Luxemburger Wort gehört ja auch zu den Zeitungen, die diesen Schritt schon lange vollzogen haben. Die Zeitungen sind dadurch für den Leser einfacher zu handhaben. Bei der Wochenzeitung Die Zeit wird derzeit überlegt, auf das handliche Tabloid-Format umzustellen. Leser werden dazu mit einer speziell erstellten Ausgabe befragt. Hier ein Link zu dem Artikel auf Meedia.de.

Die Zeit: Leserbefragung mit einem Dummy im Tabloid-Format. Quelle: Meedia.de

4) Welche Zeitungstrends beobachten Sie?

Ein Trend ist kontinuierlich: Es wird auf allen Nachrichtenkanälen vertieft berichtet. Gerade auf dem Smartphone ist der Trend zu längeren Texten zu beobachten, beispielsweise durch die App “Der Tag” von der FAZ und die “App12” aus der Schweiz. Aber alle News-Websites haben natürlich nicht nur Nachrichten-Häppchen sondern Artikel in der erforderlichen Tiefe, um Inhalte komplett für den Leser darstellen zu können. Die gedruckte Zeitung wird mehr und mehr zum Magazin, weil sich viele Inhalte auf einer Doppelseite arrangiert besser und übersichtlicher präsentieren lassen. Das Ziel ist insgesamt, den Leser 24 Stunden am Tag mit einem auf ihn zugeschnittenen Nachrichten-Angebot zu versorgen. Zum Medien-Mix gehört die gedruckte Zeitung, aber Zeitungen wie die New York Times, die Financial Times oder die Zeitschrift The Economist haben inzwischen hohe Einnahmen aus dem Online-Nachrichten-Geschäft. Hier ist auch eine große Chance für das Luxemburger Wort als überregionale Qualitätszeitung. Die Finanzierung erfolgt idealerweise durch ein Rundum-Abonnement, mit dem Leserinnen und Leser auf alle Kanäle Zugriff haben.

Der Tag von der FAZ und die App12 sind Beispiele für den Trend zu vertiefter Berichterstattung im Online-Bereich.

5) Welche Erzähl-Formen werden sich ihrer Meinung nach in Zukunft durchsetzen?

Tageszeitungen sind von jeher text-betonte Medien. Das Spektrum wird deutlich erweitert, denn mehr und mehr wird auch von Zeitungen Bewegtbild im Online-Bereich angeboten, Potcasts der Zeitung am Morgen begleiten viele Nutzer, die im Stau unterwegs sind, manche Themen werden als interaktive Infografik präsentiert, beispielsweise Wahlergebnisse. Es wird sich durchsetzen und hat sich schon bei vielen Zeitungen durchgesetzt, dass aus einer Redaktion 24 Stunden am Tag Nachrichten in alle Medienformen und Kanäle gesendet werden. Dabei sind wir in einem permanenten Lernprozess. In den letzten Jahren haben sich zum Beispiel Bildergalerien auf Newswebsites etabliert. Die Weiterentwicklung ist, dass man vorher klein abgebildet sieht, welche weiteren Abbildungen folgen. Der Leser kann entscheiden, ob er weiter der Galerie folgen will. Oft fehlt auch eine Dramaturgie in den Bildergalerien, denn man kann ja chronologisch berichten mit Uhrzeit-Angaben oder dramaturgisch mit Weitwinkel für den Überblick und Zoom für Details. Es ist jedenfalls schön, dass sich immer neue Kommunikationskanäle öffnen, die erprobt werden sollten, um alle Zielgruppen zu erreichen.

Berliner Morgenpost: Die interaktive Karte zeigt, wo Deutschland rechts wählt. Link: https://interaktiv.morgenpost.de/wo-deutschland-rechts-waehlt/

Nachrichten/Stuttgarter Zeitung: Beispiel aus dem Wochenend-Teil.

6) Welche Rolle gebührt der Benutzerfreundlichkeit, die sogenannte Leseführung, bei Tageszeitungen?

Benutzerfreundlichkeit versteht sich von selbst, sie wird vom Leser als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Seiten sollten durchnummeriert sein, die Ressorts sollten benannt werden. Größere Seitentitel sind bei Aufschlagseiten von neuen Sektionen sinnvoll. Ein paar Zeitungen haben Farbleitsysteme eingeführt, bei der jedes Ressort eine andere Farbe hat. Die Leser haben das aber oftmals nicht bemerkt. Daher sieht man die Farbleitsysteme seltener. Beim Überschriften-Apparat sollte man Wiederholungen vermeiden. Es ist nicht sinnvoll, in einem Vorspann zu wiederholen, was bereits in Überschrift und Unterzeile gesagt wurde. Natürlich sollte die Überschrift die Haupt-Information enthalten und entsprechend lang sein, um eine klare Information über das Thema des Artikels zu geben. Hier gibt es für mich täglich abschreckende Beispiele auf News-Websites. Auch die Verwendung von Dachzeilen ist nicht zu empfehlen, weil die Leser als erstes das große Element – die Überschrift – sehen und dann meist nach unten schauen – zum Text. Das ist im Print-Sektor lange bekannt, aber wird auf Websites oft ignoriert.

Sowohl sueddeutsche.de als auch zeit.de machen vieles richtig. In der Dachzeile nur ein Stichwort, kein langer Text, Überschrift klar formuliert, Grundtext in einer Schrift mit Serifen.

7) Visuelle Aufbereitung ist ein wichtiger Trend. Sollten Tageszeitung ihre Inhalte nur noch wie ein Magazin aufbereiten, um den Leser in Zukunft besser zu erreichen?

Beim Begriff Magazin könnte man etwas Buntes mit vielen Bildern vor Augen haben. Die magazinige Zeitung hat aber Artikel, die über mehrere Seiten geführt werden. Fotos und Infografiken werden zur Übermittlung von Inhalten eingesetzt und nicht, um ein visuelles Dauerfeuer auf die Leser zu verursachen. Ein gutes Beispiel für diesen Trend ist das Handelsblatt aus Deutschland, das in diesem Jahr beim European Newspaper Award den Hauptpreis bei den überregionalen Zeitungen erhalten hat.

Magazin-Layout ist geprägt durch Weißraum, große Bilder und variantenreiches Layout.

Titelseite: Konzentration auf wenige Themen, die visuell überraschend präsentiert werden. Das machen nicht nur Wochenzeitungen wie die Zeit, sondern auch die Lokalzeitungen Polska und Naszemiasto aus Polen und die Kleine Zeitung aus Graz.

Das Buch gibt es ausschließlich auf DVD oder USB-Stick. Bestellung am besten über den Bookstore auf www.editorial-design.com. Außerdem in jeder Buchhandlung und bei Amazon.